Verantwortung  1. Juni 2021

Ich bin seit 18 Jahren in der Schule tätig. Seit 18 Jahren beklage ich mich und jammere ich immer mal wieder, mehr oder weniger, über das System Schule. Es ist immer zu wenig Zeit, gibt zu wenig Personal und immer mehr Kinder, die mehr brauchen als nur den Fachunterricht. Es geht den Schüler*innen, den Lehrer*innen und den Eltern nicht gut. Wie oft rege ich mich über laute, unruhige Schüler*innen auf, die mit dem Kopf ganz woanders sind. An diesem Morgen kommt eine Schülerin zu spät und ohne Mundschutz. Ich gehe runter ins Sekretariat, um ihr einen Mundschutz zu holen. Während ich das tue, wird mir auf einmal bewusst, dass ich all die Jahre die Verantwortung abgegeben habe. All die Jahre habe ich das System Schule beschuldigt. Und ich begreife, dass es ganz alleine meine Verantwortung ist, wie ich auf das System reagiere. Das System Schule hat nur die Macht, die ich ihm gebe. Es liegt ganz bei mir, wie ich auf die Schule bzw. meine Schüler*innen reagiere. Ich bleibe an diesem Tag gelassen und lasse mich nicht von dem Verhalten der Schüler*innen aus der Ruhe bringen. Ich möchte mich in Zukunft daran erinnern, dass ich alleine die Verantwortung dafür trage, wie es mir geht.

Wo gibst du deine Verantwortung ab? Wo gibst du äußeren Umständen die Schuld?


Amazon  31. Mai 2021

In meinem E-Mail-Postfach ist eine Nachricht von Amazon mit dem Betreff: Ihre monatliche Abrechnung... Ohne dass ich weiterlese, springt bei mir das Kopfkino an: Was ist das denn? Was habe ich denn da bestellt? So ein Mist, jetzt muss ich da auf der Website rumsuchen und schauen, wie ich das wieder abbestelle. Das machen die bestimmt extra, dass man irgend etwas anklickt und schon hat man etwas bestellt und die hoffen darauf, dass man zu faul ist, es abzubestellen. Jetzt muss ich mich auch darum noch kümmern. Viel Energie geht für diese Gedanken drauf.
Erst am nächsten Tag, als ich mir das Mail genauer durchlese, erinnere ich mich, dass ich ein Buch auf Rechnung bestellt hatte. Das Mail beinhaltet die Rechnung für dieses Buch. Es hat also alles seine Richtigkeit. Ich nehme mir vor, eine Nachricht das nächste Mal erst einmal ganz durchzulesen, bevor ich losinterpretiere.

Wo geht dein Kopfkino los? Kannst du es das nächste Mal anhalten und überprüfen, ob deine Ausgangsgedanken zutreffen?


Spaziergang  30. Mai 2021

Wir treffen uns zu viert, drei Frauen und ich. Wir kochen und essen zusammen. Nach dem Essen wollen wir noch spazieren gehen. Wir haben zwei Ideen dazu, wo wir spazieren gehen können. S. möchte die erste Variante und da spazieren, wo es flach ist. Ich habe Bedenken, dass der Weg am Sonntagnachmittag bei schönem Wetter völlig überlaufen ist. Was die zweite Idee betrifft, vermute ich, dass dort weniger Menschen unterwegs sind, aber der Weg ist hügeliger. S. meint, sie wolle doch lieber nach Hause, sich ausruhen. "Und wenn wir zum ersten Weg fahren, kommst du dann mit?", frage ich sie. Ja, dann kommt sie mit, sagt sie. Ich lasse meine Bedenken los und wir entscheiden uns für den ersten Weg. Es ist ein sonniger und windiger Tag. Als wir unten vor dem Haus stehen, meint S., sie würde doch lieber nach Hause fahren, es sei ihr zu windig. Ich entgegne ihr, dass der Weg, den wir gehen wollen im Wald liegt und vermutlich windgeschützt sei. Ja, aber dann wolle sie lieber mit zwei Autos fahren, damit sie nach Hause fahren könne, wenn es ihr dort doch zu windig sei. Wir fahren mit zwei Autos hin. Dort angekommen merken wir, dass der Weg tatsächlich windgeschützt ist und ganz entgegen meiner Erwartung sind nur wenige Menschen unterwegs. Wir laufen los. Nach einem guten Stück des Weges schlage ich eine Abzweigung vor, die uns einen Rundweg ermöglicht. Der Rückweg würde dann in der Sonne liegen. Nein, meint S., sie vertrage die Sonne nicht. Wir könnten den Weg ja gehen und sie würde dann jetzt alleine zurückgehen und nach Hause fahren. Nach einem kurzen Hin und Her entscheiden wir uns, alle gemeinsam zurückzugehen. Ich bin inzwischen sehr angestrengt. Wir haben uns im Laufe des Nachmittags nun drei Mal S. angepasst. Mir ist Flexibilität wichtig und ein allseitiges Entgegenkommen.

Wo, frage ich mich, habe ich selbst Einschränkungen und bitte andere, sich nach mir zu richten?
Wo gehst du auf andere ein und wo bittest du andere, auf dich einzugehen?


Wohlstand  29. Mai 2021

Ich höre einen Beitrag von Vivian Dittmar zu ihrem neuen Buch: Echter Wohlstand, ein Plädoyer für neue Werte. Sie definiert den Begriff Wohlstand neu und führt fünf Punkte auf, die ihn ausmachen:

- Zeit
- Kreativität
- Beziehungen
- Spiritualität
- Ökologie

In welchen Punkten fühle ich mich reich, frage ich mich. Und in welchen fühlst du dich reich?


In der Schlange stehen  22. Mai 2021

Ich bin auf dem Markt und stelle mich vor einem Stand in die Schlange. Ich lasse extra noch etwas Platz vor mir, um den Durchgang nicht zu blockieren. Ein älteres Ehepaar kommt und stellt sich, ohne sich umzuschauen, in die Lücke vor mir. Ich spreche sie darauf an und sage ihnen in einem freundlichen Ton, dass ich auch in der Schlange stehe. Der Mann reagiert sehr heftig: "Regen Sie sich doch nicht so auf!" Ich bin verblüfft. Ich bin gar nicht aufgeregt. Ich möchte lediglich mitteilen, dass die Schlange hinter mir endet. Das versuche ich noch einmal zu vermitteln, immer noch freundlich. Wieder kommt eine heftige Reaktion und der Mann schnauzt mich an: "Warum regen Sie sich so auf?" In der Zwischenzeit ruft vorne am Stand eine Verkäuferin: "Nächste bitte!". Ich gehe an dem Ehepaar vorbei nach vorne. Ich kaufe nur eine Sache ein und hoffe, dass das Ehepaar nach mir schnell drankommt. Auf dem Weg zum Auto atme ich einmal tief durch und lasse das Erlebnis los. Ich habe mein Bestes getan: Ich war freundlich und bin freundlich geblieben. Wenn mein Gegenüber einen Vorwurf hört, bin ich nicht dafür verantwortlich.

Wenn du deine Worte mit Bedacht wählst und freundlich bleibst und das Gegenüber trotzdem heftig reagiert, kannst du die Situation hinter dir lassen und brauchst du dich nicht weiter mit ihr zu befassen.


In der Balance bleiben  15. Mai 2021

Ein Nachbarin denkt, das Impfen gegen Corona sei gefährlich. Sie lasse sich auf keinen Fall impfen. Da steckten doch ganz andere Gründe dahinter, warum die Regierung wolle, dass die Menschen sich impfen lassen. In so vielen Videos würde das gesagt. "Siehst du nicht, dass da was nicht stimmt?", will sie mich überzeugen. Ich erwidere: "Ich bin nicht vom Fach und keine Wissenschaftlerin. Ich kann weder sagen, dass es wichtig ist, sich impfen zu lassen, noch kann ich belegen, dass es gefährlich ist, sich impfen zu lassen. Wie soll ich wissen, wer Recht hat?" Und füge noch hinzu: "Ich kann nur auf mein eigenes Bauchgefühl hören und das machen, was für mich stimmig ist." Ich bleibe in der Balance. Ich kann ihre Ängste hören und sie so stehen lassen, ohne dagegen zu argumentieren und ihr gleichzeitig mitteilen, wie ich die Sache sehe.

Gibt es Situationen, wo du die Balance verlierst und anfängst zu argumentieren? Kannst du dir vorstellen, der anderen Person ihre Meinung zu lassen und zu denken: "Das ist ja interessant, so verschiedene Ansichten gibt es also zu dem Thema! Das ist ihre Meinung. So denkt sie. Und ich habe eine andere Meinung dazu."


Unterbrechen oder dazugehören?  14. Mai 2021

Eine ältere Frau aus Litauen betreut rund um die Uhr meinen 96-jährigen Vermieter. Sie spricht nur gebrochen Deutsch. Eine jüngere Litauerin kommt zusätzlich noch jeden Tag für ein paar Stunden. Sie spricht fließend Deutsch. Oft plaudern wir, wenn sie Arbeiten ums Haus erledigt. Ganz oft gesellt sich dann die Ältere dazu und die Jüngere übersetzt. Es hat mich immer irritiert: "Warum kann die Ältere uns nicht in Ruhe reden lassen? Warum muss sie immer dazukommen, uns unterbrechen und sich einmischen?", dachte ich jedes Mal. Und dann eines Tages legt sich ein Schalter um und ich denke: "Vielleicht möchte sie einfach nur Gesellschaft haben und dazugehören!"

Wo glaubst du ganz sicher zu sein, dass eine Person etwas aus einem bestimmten Grund tut? Und kannst du dir vorstellen, dass sie es auch aus einem ganz anderen Grund tut?


Vorurteil  5. Mai 2021

Ich surfe bei Youtube und entdecke einen Bericht über eine Flugkapitänin. Ich klicke auf den Bericht und schaue ihn mir ganz fasziniert an. Ein Kamerateam begleitet eine Flugkapitänin, die Co-Pilotin und drei Flugbegleiterinnen auf drei Flügen nach Porto und Barcelona. Was fasziniert mich so an dem Bericht? Das frage ich mich. Dass Frauen Piloten sind? Ich traue es Frauen durchaus zu, ein Flugzeug zu fliegen. Das will ich nicht in Frage stellen. Es geht dabei um Wissen und Erfahrung und das können Frauen ja genauso erwerben wie Männer. Und doch stolpere ich über etwas. Würde mir ein Mann sagen, er sei Pilot, würde ich ihm das sofort glauben. Würde mir eine Frau sagen, sie sei Pilotin, würde ich innerlich erst mal stutzen. Bei längerem Forschen entdecke ich in mir doch ein althergebrachtes Bild: In Risikoberufen traue ich Männern mehr zu. Ich freue mich, meinem eigenen Denken wieder mal auf die Schliche gekommen zu sein und bin bereit, mich einem neuen Gedanken zu öffnen: Ich traue Frauen genauso viel zu!

Wo entdeckst du althergebrachte Denkweisen in dir? Bist du bereit, sie loszulassen und dich neuen Gedanken zu öffnen?


Die Glühbirne  12. April 2021

Die Glühbirne in meiner Schreibtischlampe ist kaputt. Ich überlege, wo ich eine neue kaufen könnte. Ich versuche es zuerst bei Edeka. Nein, die haben nicht die, die ich brauche. Welches Geschäft in der Nähe könnte noch Glühbirnen haben? Ich fahre zu Real, aber auch die haben nicht die passende. Also muss ich doch zum Bauhaus fahren? Das verschiebe ich auf morgen.
Abends gucke ich doch nochmal in meinem Badezimmerschrank nach. In einem Fach bewahre ich alles mögliche auf. Ich räume alles raus, um auch das sehen zu können, was ganz hinten liegt. Und tatsächlich finde ich da eine passende Glühbirne für meine Schreibtischlampe. Jetzt kann ich mich entscheiden, was ich denken will: Wie gut, dass ich noch eine habe und nicht auch noch zum Bauhaus fahren muss! Oder: So was Blödes! Jetzt bist du dafür extra zu Edeka und Real gefahren. Da hättest du auch mal vorher im Badezimmerschrank nachgucken können! Ich entscheide mich, mich zu freuen. Ich habe eine gefunden und muss nicht zum Bauhaus.

Bemerkst du, wenn du negative Gedanken über dich selbst hast? Versuch doch mal, sie zu stoppen und überlege dir, was du vielleicht  Positives denken kannst?


Cappucino   27. März 2021

Ich kaufe gern samstags auf dem Wochenmarkt ein, auch weil dort ein Café-Wagen steht, wo es köstlichen Cappucino gibt. Ich trinke jetzt wohl schon zwei Jahre lang recht regelmäßig einen Cappucino dort und habe schon öfters mit dem jungen Mann geplaudert. Jedes Mal fragt er mich, was ich möchte: Einen Cappucino.
Und ich erinnere mich. Vor einigen Jahren war ich im Frühjahr in Spanien. Da es noch in der Vorsaison war, war an dem Ort, wo ich war, noch alles geschlossen, bis auf ein Café. Jeden Tag bin ich dorthin spaziert und habe einen café con leche getrunken. Am zweiten oder dritten Tag kam ich in das Café und ohne zu fragen, brachte mir der Kellner meinen Milchkaffee. Und so blieb es für die restlichen Tage, die ich in dem Ort verbrachte. Erst jetzt durch die Erinnerung merke ich, was mir das bedeutet hat. Ich spüre, wie wohl ich mich gefühlt hatte, für eine kurze Weile zu den Stammgästen zu gehören und mit meiner Vorliebe gesehen und wahrgenommen zu werden.

Wo wirst du gesehen und wahrgenommen? Wo siehst du andere und nimmst sie wahr?


10 Schritte  24. März 2021

Ich komme etwa zur gleichen Zeit wie eine Kollegin morgens auf dem Schulparkplatz an. Sie parkt, steigt aus und geht in Richtung Schuleingang. Ich bin nur einige Sekunden langsamer als sie und gehe kaum 10 Schritte hinter ihr. Wie schade, denke ich, warum hat sie nicht auf mich gewartet und wir wären den Weg zusammen gegangen? Diese paar Schritte vom Parkplatz zum Eingang sind eine Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen und vielleicht auch mal ein paar private Worte zu wechseln, die sonst im Schulalltag keinen Platz haben.
Später am Tag denke ich, dass sie vielleicht schnell an den Kopierer wollte oder einfach mit dem falschen Fuß aufgestanden war und nur hoffte, gut durch den Tag zu kommen. Und erst jetzt beim Schreiben denke ich: Ich hätte sie auch bitten können, langsamer zu gehen und auf mich zu warten.

Wo übersiehst du vielleicht die Chance, eine Situation zu deinen Gunsten zu beeinflussen?


Mein Freund der Baum ist tot  22. März 2021

Seit Jahren fahre ich über die Theodor-Storm-Straße zur Schule. Entlang der Straße war auf einer Seite bis vor kurzem eine freie Fläche, mit einer Wiese auf der Bäume standen. Jahrelang fuhr ich einmal auf dem Hinweg und einmal auf dem Rückweg daran vorbei. Die Bäume standen einfach da und ich habe sie nie besonders beachtet. Sie gehörten zum gewohnten Bild meines Schulweges. Und dann eines Tages sehe ich, dass die Bäume gefällt werden. Mit starken Motorsägen werden sie niedergemacht, die Stämme in Reih und Glied aufgestapelt, die Baumkronen auf einen großen Haufen geworfen, wie Abfall. Wie viele Sommer und Winter diese Bäume wohl erlebt haben? Die täglichen Auspuffgase, denen sie ausgesetzt waren! Wie viele Menschen haben sich an ihrem Grün erfreut? Ruhig und stolz standen sie da, über viele Jahre. Und dann werden sie einfach gefällt und sind nur noch ein Haufen störendes Gehölz, dass sich nicht wehren oder fliehen konnte.

Kennst du die Verbundenheit und die Nähe zur Natur? Zu Bäumen?


86400 €  19. März 2021

Stell dir vor, du hast bei einem Wettbewerb gewonnen. (3:51)

https//:www.youtube.com/watch?v=N_jyJG3WYSg

Wie habe ich meinen Tag genutzt? Wie viele Momente habe ich heute bewusst wahrgenommen?


Validation  17. März 2021

Ein ansteckendes Video zur Kraft des Lächelns und des positiven Blicks. In Englisch (16:23)

https://www.youtube.com/watch?v=Cbk980jV7Ao


Neid  3. März 2021

Ein Kollege ist Ende Januar in Rente gegangen. An einem sonnigen Tag kommt er zur Schule geradelt. Entspannt und gut gelaunt plaudert er mit Kolleg*innen, die gerade Zeit haben. Ich mache einen großen Bogen um ihn. Warum, frage ich mich. Warum weichst du ihm aus? Als erstes fällt mir ein: Ich habe keine Zeit, ich muss in den Unterricht. Und dann erst dämmert es mir so langsam. Ich gebe es mir selbst nicht gerne zu: Ich bin neidisch. Ich beneide ihn so sehr darum, dass er sich nicht mehr mit Hygienemaßnahmen, Online-Unterricht, Lüftungsprotokollen, Wechselunterricht, Pausenaufsichten und lauten, unzufriedenen Schüler*innen auseinanderzusetzen braucht.

Kennst du Neid? Merkst du, wenn du neidisch bist?


Aus dem (Lockdown-)Alltag ausbrechen  1. März 2021

Es begann im November, im 2. Lockdown. Beim Surfen auf YouTube stieß ich auf viele ausländische Filme. In die meisten schaute ich nur kurz rein und klickte sie wieder weg. Bei anderen Filmen blieb ich hängen, die schaute ich mir dann in voller Länge an und schweifte mit ihnen in die Ferne. Mit einem argentinischen Protagonisten reiste ich durch die schier unendliche Pampa des Landes und tauchte in eine mir fremde Welt ein. Ich lauschte der unbekannten Fauna, betrachtete die fremde Flora und ließ mich von der Landschaft, der Hitze und den dortigen Gewohnheiten mitnehmen und fesseln. Für die Länge des Filmes war ich völlig und komplett dort. Bei Google Maps suchte ich anschließend nach dem Ort, an dem der Film spielte. Mit dem Routenplaner vollzog ich die Strecke nach, die der junge Mann zurückgelegt hatte und wie lange er dafür mit dem Bus unterwegs gewesen sein muss.
Nach einem brasilianischen Film googelte ich nach einem Gericht, das die Hauptdarsteller in einer Szene aßen und entdecke ein Nationalgericht Brasiliens. Ein Lied, das im Film gesungen wurde, begleitete mich tagelang und versetzte mich immer wieder an die Copacabana.
Mit einem schwedischen Film (mit deutschen Untertiteln) verbrachte ich kühle Sommerabende an einem See. Später schaute ich einige Vokabeln nach und weiß jetzt, was "Guten Morgen! Gut geschlafen?" auf Schwedisch heißt. God morgon! Sovit gott?

Wie und wovon lässt du dich begeistern, um aus deinem (Lockdown-)Alltag auszubrechen?


Raumwechsel  15. Februar 2021

Es ist jetzt ein Jahr her: Ich hatte 16 Jahre lang einen eigenen kleinen Raum in der Schule. Die Wände hatte ich mit einer Weltkarte und den selbstgemalten Länderflaggen der Herkunftsländer meiner Schüler*innen dekoriert. Ich fühlte mich sehr wohl in dem Raum. Es war wie eine kleine Oase für mich und sicherlich auch für den einen oder die andere Schüler*in. Dann sprach mich eine Person aus der Schulleitung an, der Raum würde gebraucht und ich solle umziehen. Ich sagte: Nein! Das blieb dann erst mal so stehen. Einige Wochen später, morgens zwischen Tür und Angel, sagte sie mir dann: Das ist jetzt eine Anweisung. Du ziehst um! Der Raum wird anderweitig gebraucht.
Ich zog in einen anderen Raum um.
Die Geschichte hat zwei Aspekte für mich: Die sachliche Ebene und die persönliche Ebene. Zum einen, dass ich "meinen" Raum aufgeben musste und zum anderen die Art und Weise, wie mir das mitgeteilt wurde. Inhaltlich kann ich durchaus nachvollziehen, dass der Raum für etwas anderes dringender gebraucht wurde. Auf der persönlichen Ebene jedoch hätte ein kurzes persönliches Gespräch den Schmerz für mich wesentlich gemildert, eine Erklärung, warum der Raum nun für andere Zwecke dringender gebraucht werde, vielleicht auch ein Bedauern, dass das nun notwendig sei. So lebt der Schmerz heute noch in mir.

Nehme ich mir angemessene Zeit, wenn ich jemandem etwas Wichtiges mitzuteilen habe? Und drücke ich Mitgefühl aus, wenn es etwas Unangenehmes ist?


Das Eichhörnchen  6. Februar 2021

Ich fahre zum Markt nach St. Ingbert. Am Ortsausgang, wo die Straße durch den Wald führt, sehe ich ein Eichhörnchen mitten auf der Gegenfahrbahn liegen. Es ist tot, aber noch unversehrt. Noch kein Auto ist drüber gefahren. Auf dem Rückweg, nach dem Einkauf, liegt das Eichhörnchen immer noch unversehrt auf der Straße. Es rattert in meinem Kopf: Lass ich es liegen? Es ist ja schon tot! Es ist doch egal, ob jetzt noch Autos drüber rollen oder nicht! Und dann macht es klick: Nein, es ist mir nicht egal! Ich halte an der nächstmöglichen Stelle. Ich laufe einige Meter zurück bis zu dem toten Eichhörnchen und suche mir herumliegende Äste. Ich habe noch nie ein Eichhörnchen von so nahem gesehen. Was für ein schönes Tier das ist! Mit den Ästen befördere ich es in den Graben und bedecke es mit Erde. Nein, ich konnte es nicht retten. Es ist tot und bleibt tot. Was sich für mich verändert hat? Dass es nicht von Autos überrollt und zerquetscht wird.

Hast du den Mut, etwas, das dir wichtig ist, auch dann zu tun, wenn es ungewöhnlich ist?


Der LÜK-Kasten  20. Januar 2021

In meinem Raum in der Schule ist ein Schrank, in dem viele meiner Unterrichtsmaterialien stehen. Einige davon habe ich auf eigene Kosten angeschafft, unter anderem auch sechs LÜK-Kästen. Die habe ich bei Ebay ersteigert und nutze sie immer wieder im Unterricht. Den Schrank kann ich abschließen und tue das auch. Alle Schränke in allen Klassen haben den gleichen Schlüssel und alle Lehrer*innen haben einen Schlüssel dafür. An diesem Tag öffne ich den Schrank, weil ich etwas brauche und ein LÜK-Kasten fällt mir buchstäblich entgegen. Als ich ihn greifen will, fallen die Plättchen heraus. Ich bemerke, dass viele Plättchen fehlen. Sofort rasselt es durch meinen Kopf: Wer meiner Kolleg*innen hat sich hier bedient und den LÜK-Kasten unvollständig zurückgestellt? Wie soll ich rausfinden, wer sich da bedient hat? Muss ich jetzt einen neuen LÜK-Kasten besorgen? Ich merke, wie die Wut in mir hochsteigt. Ich werde sofort ein gepfeffertes Rundmail an alle Kolleg*innen schreiben und fragen, wer den LÜK-Kasten ausgeliehen hat und die Person um einen neuen, vollständigen bitten. Bis ich nach Hause komme, kann ich mich mit Mühe ein bisschen beruhigen. Eine leise Stimme in mir flüstert mir zu: Warte bis nächste Woche! Warte, bis du nächste Woche wieder in der Schule bist und schau noch mal genau nach! Ich warte. Am Wochenende kann ich das Thema Gott sei Dank vergessen. Als ich in der nächsten Woche wieder in der Schule bin, gehe ich morgens als erstes an den Schrank und prüfe, ob die Plättchen nicht vielleicht schon beim Herausziehen des Kastens rausgefallen sind und diejenige ihn deswegen hat stehen lassen. Und tatsächlich liegen zwischen Büchern versteckt die Plättchen. Ich sammle sie ein und der unvollständige Kasten ist wieder komplett. Ich bin so erleichtert: Einmal darüber, dass ich keinen neuen LÜK-Kasten brauche und zum anderen, dass ich das Mail an alle Kolleg*innen nicht geschrieben habe.

Nimmst du deine innere Stimme wahr? Und hörst du auf sie?


Gespräch mit einer Kollegin  13. Januar 2021

Eine Kollegin und ich sitzen in meinem Raum. Sie wird einige Schüler*innen von mir noch zusätzlich fördern. Wir besprechen mögliche Inhalte und bei welchen Themen die Schüler*innen noch besonders Unterstützung brauchen. Als wir das geklärt haben, fragt sie mich, ob ich noch Zeit hätte, dass sie mir von etwas anderem erzählen könne, das sie beschäftigt. Ja. Sie fängt an zu erzählen, dass sie nicht so recht wisse, woran sie mit dem neuen Schulleiter sei. Mal sei er offen und zugänglich, mal habe er einen sehr scharfen Ton drauf. Sie wisse nicht so recht, wo sie sich da positionieren solle. Ich höre ihr einfach zu. Immer mal wieder unterbreche ich sie und wiederhole das, was ich von ihr gehört habe. Sie stutzt ein wenig und erzählt dann weiter. Ich gebe keine Ratschläge und keine Tipps. Ich gebe keine eigenen Gedanken dazu. Ich bleibe ganz bei ihrem Thema und wiederhole in Abständen, was ich von ihr höre. Es entstehen Ruhepausen, in denen sie nachdenkt und dann fortfährt. Der Redefluss nimmt mit der Zeit ab und sie wird ruhiger. Ja, meint sie nach einer Weile, ich glaube, ich habe es: Ich warte einfach mal ab, wie sich die Situation so insgesamt entwickelt. Als wir den Raum verlassen, sagt sie: Es tut so gut, einfach nur mal erzählen zu können.

Hörst du manchmal einfach nur zu, wenn dir jemand etwas erzählt? Ohne Ratschläge und Tipps zu geben?


Treiben lassen  10. Januar 2021

Die Sonne scheint an diesem kalten Wintertag und lädt zum Spazierengehen ein. Erst laufe ich meinen üblichen Weg durch den Wald. Leider liegt er im Schatten. Ich möchte so gerne in der Sonne laufen. Zu selten hat sie sich in der letzten Zeit gezeigt. Also entscheide ich mich abzubiegen. Einen Moment lang laufe ich in der Sonne, bis auch dieser Weg schattig wird. Wieder biege ich ab und nehme den nächstmöglichen Weg, um in der Sonne zu gehen. Und so mache ich es nochmal und nochmal. Ich lasse los und lasse mich treiben. Ich mache mir keine Gedanken, wohin die Wege führen und ob ich den Weg zurück finde. Ich folge einfach nur der Sonne.
Nach einer ganzen Weile sehe ich Häuser am Waldrand. Ich frage eine Spaziergängerin, in welcher Richtung der Sportplatz liegt. Sie meint, ich solle am besten der Hauptstraße folgen. Nein, denke ich, ich will lieber einen Weg abseits der Hauptstraße finden. Ich laufe durch ein mir unbekanntes Wohngebiet, biege mal links ab, mal rechts. Auch hier lasse ich mich treiben. Ich laufe durch fremde Straßen, eine Sackgasse entlang, an deren Ende doch noch eine Treppe weiterführt. Als ich wieder Spaziergänger treffe, frage ich nochmals nach dem Weg Richtung Sportplatz. Ich finde den Eingang zu einem kleinen Park, den ich als Teil des Friedhofs erkenne und gehe weiter in Richtung meiner Wohnung.
Endlich wieder zu Hause angekommen, merke ich, wie erfüllt ich bin.
Die Menschen, die ich nach dem Weg gefragt habe, waren so freundlich und hilfsbereit. Und mich treiben zu lassen ist etwas, was ich sonst an neuen Urlaubsorten zu machen liebe. Ich streife gerne durch mir fremde Städte, biege mal rechts, mal links ab und lasse mich überraschen, welche Kirche oder welches Café mich an der nächsten Ecke erwartet. Genau dieses Urlaubsgefühl bringe ich von diesem Spaziergang mit nach Hause.

Wann hast du dich mal oder zum letzten Mal treiben lassen?  Wie hat es sich für dich angefühlt?


Die Tramperin  9. Januar 2021

Ich fahre auf den Markt nach St. Ingbert. Auf der Höhe des Freibades steht eine Frau und hält den Daumen raus. Ich halte an und nehme sie mit. Auf den wenigen Kilometern, die wir zusammen fahren, erzählt sie mir in Stichpunkten ihre Geschichte: Alkoholabhängige Eltern, Pflegefamilie, Missbrauch, Heimunterbringung, Leben auf der Straße, trampen, weil sie kein Geld hat. Ich höre zu. Ihr Bericht lässt mich verstummen. Was Menschen erleben und durchmachen müssen! In St. Ingbert angekommen, bedankt sie sich für das Mitnehmen. Ohne viel nachzudenken, ziehe ich einen Geldschein aus meinem Geldbeutel und überreiche ihn ihr. Sie stutzt, zögert: Nein, das wolle sie nicht. Bitte, sage ich. Sie nimmt ihn. Ob sie das Geld in Alkohol oder Zigaretten umsetzt? Ich weiß es nicht. Was ich weiß ist, dass ich in dem Moment so viel mehr Geld habe als sie und ihr gerne etwas davon abgebe.

Wann teilst du gerne? Was teilst du gerne?


Wortwahl  1. Januar 2021

In der "Beschwerde" steckt die Schwere und geht mit dem Wunsch einher, dass andere einem die Schwere abnehmen mögen. Wer sich "empört", geht auf die Empore, um besser gesehen zu werden. Dies macht auf ein zentrales Bedürfnis aufmerksam: gesehen und gehört werden. Im "Lästern" taucht das Wort Last auf. Lästernde Menschen sind offenbar be- und geladen und suchen Entlastung.

Aus: Joachim Schaffer-Suchomel, "Du bist, was du sagst"

Link zur PDF-Datei mit dem Artikel "Wortwahl":
http://www.brainfresh.net/wp/wp-content/uploads/2017/10/Artikel-WEGE-Wortwahl.pdf


Good-News-App  1. Januar 2021

Eine App, die täglich eine Zusammenfassung guter Nachrichten bringt.

Zum Herunterladen für Android:
https://play.google.com/store/apps/details?id=de.impactpartner.goodnews

Und hier für Apple:
https://apps.apple.com/de/app/good-news-app/id1321856447


Berührung  20. Dezember 2020

Ich bin bei einer Freundin, wir kochen und essen zusammen. Später sitzen wir an ihrem PC und schauen uns etwas an. Sie geht auf die Toilette. Als sie zurückkommt, bleibt sie hinter mir stehen und legt mir die Hände auf die Schultern. Ich spüre die Wärme ihrer Hände und die Wohltat dieser Berührung. Wie lange bin ich in dieser besonderen Zeit schon nicht mehr berührt worden? Wie kostbar und wie wichtig Berührung ist! Was für ein Genuss! Dankbarkeit erfüllt mich für diese Geste.

Wann hast du zum letzten Mal eine andere Person berührt? Wann hat dich ein anderer Mensch zuletzt berührt?


Aspirin  16. Dezember 2020

Es ist der erste Tag des zweiten Lockdowns. Ich bin in der Schule. Kopfschmerzen plagen mich. Ich frage eine Kollegin, ob sie ein Aspirin hat. Nein, leider nicht. Ich frage eine zweite Kollegin. Sie hat ein anderes Mittel dabei, das sie mir anbietet. Ich weiß, dass ich Aspirin gut vertrage und bevorzuge es. Ich frage weitere Kolleginnen. Neun insgesamt. Die neunte dann hat tatsächlich ein Aspirin für mich. Ich nehme es sofort ein und komme gut durch den Tag.
Später fällt mir auf, dass mich keine der angesprochenen Kolleginnen später gefragt hat, ob ich ein Aspirin bekommen habe und auch nicht, wie es mir ginge oder ob es mir jetzt besser ginge. Und ich weiß, dass wir an diesem Tag alle am Limit waren, gleichzeitig hätte ich mich über ein Wort oder eine kleine Geste gefreut.

Bin ich selbst immer achtsam, wie es meinem Gegenüber geht?, frage ich mich. Denke ich an ein Wort oder eine Geste für sie oder ihn?


Einatmen  22. November 2020

Ich habe ein Tagesseminar. Alle Teilnehmenden und ich müssen laut Hygienemaßnahmen ganztägig den Mundschutz tragen. In der Mittagspause setze ich mich alleine an ein offenes Fenster, ohne Mundschutz. Ich atme tief ein. Frischer Sauerstoff fließt in meine Lungen. Ganz bewusst spüre ich die Kühle der Luft und wie der Sauerstoff alle Lungenbläschen füllt. Endlich wieder frei atmen! Freude und Dankbarkeit erfüllen mich. Ich weiß nicht, wann und ob ich überhaupt schon einmal den Moment des Einatmens so bewusst wahrgenommen habe und die Freude und Dankbarkeit, die es auslösen kann.

Nimm dir einen Moment Zeit. Vielleicht trittst du vor die Tür oder auf den Balkon oder öffnest ein Fenster. Lenke deine Aufmerksamkeit auf deinen Atem. Kannst du wahrnehmen, wie der Sauerstoff deine Lungen füllt?


One Day  8. November 2020

"Koolulam" ist eine Initiative, die gegründet wurde, um Menschen zusammenzubringen, indem sie gemeinsam Musik machen. Dafür haben sie sogar Preise bekommen. Die Menschen üben weniger als eine Stunde, bis sie ein Lied aufnehmen. Das folgende Lied singen sie in Arabisch, Hebräisch und Englisch (4:49 Min). Ich habe beim Anschauen des Videos Gänsehaut bekommen.

www.youtube.com/watch?v=XqvKDCP5-xE


Drei positive Dinge finden  8. November 2020

Ich gehe heute Morgen mit meiner Tasse Kaffee nach draußen. Über einem Busch steigt Dunst auf. Die Sonne, die auf den Busch scheint, lässt die Feuchtigkeit der Nacht verdunsten. Ich stehe da, betrachte das Bild und genieße.
Später am Nachmittag mache ich einen Spaziergang im Wald. Die Sonne hebt die verschiedenen Gelb-, Rot- und Brauntöne der Blätter leuchtend hervor. Es ist ein phantastisches Farbenspiel.
Ich setze mich auf eine Bank in der Sonne. Marienkäfer nutzen mich als Landebahn. Ich betrachte sie beim Rumkrabbeln und wie sie wieder abfliegen.

Welche drei Dinge waren heute für dich positiv? Schau genau hin! Es können auch ganz kleine Momente sein. Es gibt sie. Ganz sicher.


Der perfekte Moment  7. November 2020

Ich fahre auf den Wochenmarkt in St. Ingbert. Ich stehe an einem Stand in einer "Coronaschlange" und warte, bis ich dran komme. An einem zweiten Stand suche ich wiederum das Ende der schwer erkennbaren Schlange. Alle achten angestrengt auf den Abstand. Für einen Cappuccino noch einmal dasselbe. Ich gehe auf die Post, um ein Päckchen abzuschicken und muss schon weit vor dem Eingang warten. Dann noch zur Bank: Auch hier das gleiche Spiel. Auf dem Rückweg schlendere ich nochmal über den Markt. Eine Frau hat sich mit ihrer Gitarre an den Rand gestellt und singt. Ich stelle mich in die Sonne und höre ihr zu. Und plötzlich nimmt mich dieser Moment total gefangen: Ich vergesse das angespannte "Schlangestehen" und alles um mich herum. Ich genieße die wärmende Sonne und den ergreifenden Gesang der Frau. Alles fällt von mir ab. Für diesen einen Moment bin ich total in Einklang mit allem was ist und bin einfach nur glücklich. Es ist ein perfekter Moment.

Kennst du solche Momente des Einklangs? Wann hast du zuletzt so einen Moment erlebt?


Den Positiv-Muskel trainieren  30. Oktober 2020

Allzu oft lenken wir unsere Aufmerksamkeit auf das, was nicht funktioniert, auf das, was schiefläuft. Schon in der Schule werden nur die Fehler angestrichen. Dass auch was richtig war, wird oft gar nicht erwähnt. Wir sind von früh auf geübt, das Glas halb leer zu sehen. Wenn das Glas halb leer ist, ist es doch auch halb voll.
Worauf richte meine Aufmerksamkeit?
Ich habe am Freitag begonnen, einen großen Hausputz zu machen. Irgendwann habe ich die Lust verloren und habe mittendrin aufgehört. Im ersten Moment dachte ich: "So ein Mist. Jetzt bin ich nicht fertig geworden", und war unzufrieden. Und dann konnte ich die Perspektive ändern und merken, dass ich Ecken saubergemacht hatte, denen ich sonst wenig Aufmerksamkeit schenke. Zufriedenheit darüber kam auf, dass ich doch einiges geschafft hatte.

Gibt es gerade eine Situation in deinem Leben, wo du eher das Glas halb leer siehst? Gibt es an der Situation vielleicht doch auch etwas, was gelungen ist?


Zwei Wölfe  24. Oktober 2020

Ein alter Cherokee-Indianer sitzt mit seiner Enkelin am Lagerfeuer. Er sagt: "Im Leben gibt es zwei Wölfe, die miteinander kämpfen. Der erste ist Hass, Misstrauen, Feindschaft, Angst und Kampf. Der zweite ist Liebe, Vertrauen, Freundschaft, Hoffnung und Friede."
Das kleine Mädchen schaut eine Weile ins Feuer und fragt dann: "Und welcher Wolf gewinnt?"
Der Großvater schweigt und nach einer Weile sagt er: "Der, den du fütterst!"

Welchen Wolf fütterst du?


Wortklauberei?  17. Oktober 2020

Ich besuche eine Freundin. Wir sind in ihrem Garten und sie fragt mich, ob ich gerne Mangold essen würde. Den hätte sie noch im Garten. "Ja", sage ich, " Mangold ist ok." - "Bist du also scharf auf Mangold?", fragt sie mich. "Nein", antworte ich, " ich bin nicht scharf auf Mangold. Ich esse ihn gern. Nicht mehr und nicht weniger." - "Du immer mit deiner Wortklauberei", kommentiert sie noch.
"Scharf auf etwas sein" hat für mich eine andere Bedeutung. Damit meine ich, dass ich etwas jetzt sofort essen oder trinken möchte. Und so ist es mit dem Mangold nicht. Ich esse ihn gerne und wäre auch offen dafür, etwas anderes zu essen. Das Deutsche hat genug Worte, um präzise das auszudrücken, was ich möchte.

Wählst du deine Worte mit Bedacht?


Das halbleere und das halbvolle Glas  10. Oktober 2020

Stell dir ein Glas vor, das halbleer ist. Vielleicht hast du ja gerade eins vor dir stehen. Spüre einmal in dich hinein. Wie fühlt es sich körperlich an, wenn du sagst: "Das Glas ist halbleer." Was nimmst du wahr? Es geht nicht darum, was du denkst, sondern was du in deinem Körper wahrnimmst. Wird dir kalt oder warm? Leicht oder schwer? Eng oder spürst du eine Anspannung? Alles ist ok. Es gibt bei der Übung kein "richtiges" oder "falsches" Wahrnehmen.

Jetzt ändere die Perspektive: Stell dir das Glas vor und sage dir: "Das Glas ist halbvoll." Was kannst du jetzt in deinem Körper wahrnehmen? Verändert sich etwas? Was verändert sich?

Welche Sichtweise fühlt sich angenehmer für dich an? Du hast die Wahl. Du kannst dich entscheiden, das Glas halbleer oder halbvoll zu sehen.


Den Garten gießen  1. August 2020

Zwei Frauen aus dem Baltikum kümmern sich um den betagten Herrn im Haus. Die ältere Frau ist für die Küche und die Wäsche zuständig. Sie spricht nur ein paar Brocken Deutsch. Die jüngere spricht sehr gut Deutsch. Ich plaudere öfter mit ihr und sie erklärt mir, sie kümmere sich um alles andere im Haus und den Garten. Sie würden sich schon lange kennen und gerne zusammen arbeiten, die ältere Frau und sie selbst, erzählt sie mir.
Irgendwann gehe ich mit einem Nachbarn spazieren und er erzählt mir, dass er die beiden Frauen im Garten gesehen habe. Die Jüngere hätte den Garten gegossen und die Ältere hätte hinter ihr gestanden und aufgepasst, dass sie alles richtig macht..

Wenn du Menschen beobachtest, was genau beobachtest du? Was genau machen die Personen? Was genau sagen sie, wenn es sich um ein Gespräch handelt?

Versuche einmal, von einer Situation nur die Fakten zu benennen. Alles andere ist Interpretation.


Ferienlektüre  23. Juli 2020

Teil 1
Ich verbringe meinen Urlaub auf einem Zeltplatz am Meer. Ich habe zwei Bücher mitgenommen und merke dort erst, dass mich die beiden Bücher nicht ansprechen. Ich überlege, was ich machen kann. Ich spreche ein Paar in einem deutschen Wohnmobil an und frage sie, ob sie vielleicht Bücher dabei hätten, die sie schon ausgelesen hätten und weiterzugeben bereit wären. Sie müsse mal schauen, antwortet die Frau.
Am nächsten Morgen sitze ich vor dem Zelt und frühstücke. Die Frau aus dem Wohnmobil kommt mit einem Stapel Bücher auf mich zu. Diese Bücher hätten sie schon ausgelesen, die könne ich haben, sagt sie. Ich freue mich: Da wird bestimmt etwas für mich dabei sein.

Hast du schon mal um etwas gebeten? Wie war das für dich? Konntest du leicht darum bitten? Oder fiel es dir schwer?

Wurdest du schon mal um etwas gebeten? Hast du es geben oder tun können? Hast du es aus freiem Herzen geben oder tun können?

Teil 2
Die Frau beginnt, mir jedes Buch einzeln zusammenzufassen und zu berichten, wie sie selbst und ihr Mann es fanden. Sie erzählt, wo das eine Buch spiele und dass sie diese Orte abgefahren und auch in dem Restaurant gewesen seien, das in dem Roman erwähnt wird. Sie erzählt mir von diversen anderen Fahrten mit dem Wohnmobil, wo sie schon gewesen seien, was sie dort erlebt hätten und warum sie an bestimmte Orte nicht mehr fahren würden und warum sie so gerne an diesen Ort hier kämen. Sie erzählt mir von einer Panne auf der Autobahn, was ihnen dabei passiert sei, wie lange sie auf den Abschleppdienst gewartet hätten, was der dann gemacht habe und wie heiß es da gewesen sei und dass sie nichts zu trinken dabei gehabt hätten.
Ich sehe auf meinen Teller. Ich habe mein Brot nur zur Hälfte gegessen und meinen Kaffee zur Hälfte getrunken. Die Frau erzählt weiter.
Ich freue mich über die Bücher und würde auch gerne weiter frühstücken. Ich nehme einen Anlauf, um sie zu unterbrechen und nehme meine Gedanken wahr: Jetzt hat die Frau dir die Bücher gebracht, da darfst du doch nicht unhöflich sein und sie unterbrechen.
Ich werde ungeduldig. Ich möchte weiter frühstücken. Meine Zuhörkapazität ist schon lange erschöpft. Ich höre nicht mehr zu. Meine Gedanken hindern mich daran, sie zu unterbrechen. Nach weiteren langen Berichten kommt irgendwann ihr Mann, der sie sucht und sie gehen. Ich bin erleichtert und kann endlich zu Ende frühstücken.
Ich habe Höflichkeit über Selbstfürsorge gestellt. Ich nehme mir vor, das nächste Mal besser für mich zu sorgen.

Wie oft hast du jemandem schon länger zugehört, als du wirklich wolltest? Was hat dich daran gehindert, dein Gegenüber zu unterbrechen? Wie ging es dir in der Situation?


Verbindung  14. Juni 2020

Ich plaudere mit einem Bekannten. Ich erzähle, was mir gerade passiert ist: Ich wollte etwas im Internet bestellen, mit Kreditkarte bezahlen und die Zahlung wurde abgelehnt. Er erzählt mir, was einem Freund von ihm mal mit seiner Kreditkarte passiert sei.
Ich erzähle, dass ich gerade etwas über Ebay verkaufe. Er berichtet mir davon, was er mal von jemandem gehört habe und was dem bei Ebay passiert sei.
Ich erzähle von einem Fernsehbericht, den ich gerade gesehen hatte und den ich sehr interessant fand. Er erzählt von einem anderen Freund, dem mal etwas Ähnliches wie in dem Bericht passiert sei.
Ich werde zunehmend irritiert und unruhig. Was ist es, das mich unruhig macht, frage ich mich.
Ich erzähle von dem, was mir in den letzten Tagen passiert ist und was auch noch sehr lebendig in mir ist. Er erzählt nichts von sich, sondern von Menschen, die ich nicht kenne. Ich wünsche mir Verbindung. Ich würde gerne wissen, was er gerade erlebt und was gerade in ihm lebendig ist.

Wo erlebst du Verbindung? Mit dir selbst?  Bist du in Verbindung mit dem, was gerade in dir lebendig ist? Kannst du es wahrnehmen?

Bist du in Verbindung mit einem anderen Menschen? Weißt du was ihn/sie gerade bewegt?


Guten Morgen  26. Mai 2020

Gegen 7 Uhr morgens stehe ich auf dem Weg zur Schule an einer roten Ampel. Eine Frau in Arbeitsanzug sammelt auf dem Bürgersteig Müll auf. Ich öffne das Beifahrerfenster und rufe ihr "Guten Morgen" zu. Sie schaut verwundert auf, sieht mich und ein Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus. "Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen Tag", füge ich hinzu. "Das wünsche ich Ihnen auch", antwortet sie. Die Ampel springt auf Grün und ich fahre weiter. Ich spüre eine große Freude durch diesen kurzen Kontakt mit einer mir völlig unbekannten Person. Erst im Weiterfahren bemerke ich, dass in dem Kontakt ein Wohlwollen und eine Freundlichkeit entstanden sind, die mich in den Vormittag tragen.

Wann hat dir zuletzt eine unbekannte Person ein Lächeln geschenkt? Konntest du es annehmen? Was hat es in dir ausgelöst?

Wann hast du zuletzt einer unbekannten Person ein Lächeln geschenkt? Wie hat sie reagiert?


Gerädert  21. Mai 2020

Ich wache auf und fühle mich gerädert und erschlagen. Ich erinnere mich an das Buch von Mechthild von Scheurl-Defersdorf über die Kraft der Worte (siehe 7. März), an die Wechselwirkung zwischen der Sprache, die ein Mensch spricht und dem, was die Person in ihrem Leben erlebt. Und ich formuliere um: Ich fühle mich heute schwer und ohne Energie.


Gehört werden  15. Mai 2020

Ich komme aus dem Garten zurück und merke, dass die Thermoskanne, die ich mitgenommen hatte, ausgelaufen ist. Das Buch, das ich dabei hatte, ist nass geworden. Gottseidank war es nur Wasser. Das Buch ist aus der Bibliothek und da mir so etwas schon mal passiert ist, weiß ich, dass die Bibliothek das Buch nicht zurücknimmt und den Preis für ein neues verlangt. So ein Ärger.
Eine Freundin ruft an. Ich erzähle ihr, was mir gerade passiert ist.  "Ach, vergiss es", sagt sie. Wie soll ich das vergessen? Das Buch liegt gerade vor mir in der Sonne zum Trocknen. "Ich finde das total ärgerlich", wiederhole ich. "Ich leihe mir doch gerade Bücher aus, um mir keine kaufen zu müssen. Das ist so unnötig." - "Das passiert halt schon mal", meint sie dann noch.

Und ich würde einfach nur gerne gehört werden, z.B.:  "Ja, es ist so nervig, dass das Buch nass geworden ist und du es jetzt bezahlen musst. Du leihst dir doch gerade Bücher aus, damit du keine kaufen musst, oder?"


Wer ist "man"?  14. Mai 2020

Ich stehe im Lehrerzimmer mit einer Kollegin an der Kaffeemaschine, die auf der Geschirrspülmaschine steht. Sie öffnet die Geschirrspülmaschine, schaut rein und meint: "Oh, die müsste man auch mal wieder anstellen." Und ich frage sie: "Und wer ist man?" Später habe ich Zeit und stelle die Maschine an.


53 Nachrichten  7. Mai 2020

Ich bin in einer Whatsapp-Gruppe von meinem Chor. Da wir uns zur Zeit nicht treffen können, gab es einen kurzen Austausch in der Gruppe, wie es uns so geht während der Corona-Zeit. Ich habe anschließend mein Smartphone weggelegt und erst viel später wieder draufgeschaut. In der Zwischenzeit waren 53 Nachrichten eingegangen. Als ich nachschaute, sah ich, dass sich 2-3 Teilnehmerinnen der Chor-Whatsapp-Gruppe intensiv über ein Rechenrätsel ausgetauscht hatten. Also nichts, was mit dem Chor zu tun hat. Ich war richtig verärgert. 53 Nachrichten!
Ich war eine ganze Weile mit dem Ärger verhakt: "Können die sich denn nicht privat mit Rechenrätseln beschäftigen? Ich finde Matherätsel einfach nur doof. Das müssen doch nicht alle mitkriegen! 53 Nachrichten. Das nervt!" Darauf habe ich ganz schön lange rumgekaut. Dann erst konnte ich nach meinen Bedürfnissen schauen: Mir ist eine effektive Nutzung und Klarheit in der Struktur wichtig, d.h. für mich, dass ich die Whatsapp-Gruppe Chor für Sachen, die den Chor angehen nutzen möchte, z.B. für Terminabsprachen, den Austausch über Noten und Lieder usw. Erst als ich für mich klar hatte, worum es mir geht, konnte ich in die Freude reinspüren, die diese 2-3 Frauen an und mit dem Rechenrätsel hatten.
Und mir ist dabei nochmal klar geworden, wie wichtig es ist, dem Ärger und den 'Wolfsgedanken' Raum zu geben. Nur dann können sie sich wieder beruhigen. Auch sie wollen gesehen und gehört werden.


Kürbiskerne  22. April 2020

Ich bin begeisterte Gärtnerin und habe ein Grundstück von der Stadt gepachtet. In dem wachsen Obststräucher, Zwergobstbäume, Blumen und Gemüse. Für die kommende Saison will ich Hokkaido-Kürbisse vorziehen. Ich könnte Samen oder sogar Pflänzchen kaufen. Ich entschließe mich aber, einen Hokkaido zu kaufen, daraus etwas zu kochen und diese Samen zu verwenden. Als ich den Kürbis öffne, bin ich völlig verblüfft über die Anzahl der Kerne. Natürlich habe ich schon öfter Kürbisse gekauft und etwas damit gekocht, nur bin ich mir bisher noch nie der großen Anzahl der Kerne so bewusst geworden. Ich habe sie dann tatsächlich gezählt. An die 100 waren es! Aus einem Kürbis lassen sich, sollte man denn den Platz dafür haben, ca. 100 weitere Pflanzen ziehen. Die wiederum produzieren je nach Wetter und Bodenbeschaffenheit jede 2-4 Kürbisse.

Mir geht es hier nicht um Gartenweisheiten. Worauf ich hinaus will, ist die schiere Fülle, die ich im Innern des Kürbisses vorfand. Und das an einer völlig unerwarteten Stelle und zu einer Zeit, als noch ein Mangel im Außen ist: Die meisten Geschäfte sind geschlossen und Kontakte sollen möglichst vermieden werden.
Und da war die Fülle. Mitten im Kürbis: Die Entdeckung hat mir solche Freude bereitet und sie hat mich eine ganze Zeit lang getragen und genährt. Und auch jetzt wieder, beim Schreiben, kann ich daran anknüpfen.

Kennst du Fülle? Erlebst du Fülle? Wo erlebst du Fülle? Vielleicht überrascht sie dich ja auch an völlig unerwarteten Orten und in unerwarteten Momenten.


Gehalten werden  11. April 2020

Am Ende der Sackgasse, in der ich wohne gibt es eine kleine Allee von Kastanien. Jetzt im Frühjahr wird der Wald wieder grün und ganz dicht und die Allee bildet durch die sich oben schließenden Kronen ein Dach. Sie umhüllt mich und ich fühle mich ganz in ihr geborgen. Ich spaziere oft dorthin und genieße das Gehaltenwerden. Ich fühle mich warm geborgen wie in den Armen eines geliebten Menschen.

Gibt es einen Ort für dich, an dem du dich gehalten und geborgen fühlst?


Stehen  4. April 2020

Gerade in Krisenzeiten ist das Stehen sehr wichtig: Wir bleiben standhaft und können widerstehen.

Wie stehst du gerade? Stehst du stabil? Fest verwurzelt? Oder eher schwankend?


Experiment in der U-Bahn-Station  4. April 2020

An einer U-Bahn-Station in Washington DC spielte an einem Morgen ein Mann für 45 Minuten auf seiner Violine sechs Stücke von Bach. Während dieser Zeit benutzten ca. 2000 Menschen diese Haltestelle, die meisten auf dem Weg zur Arbeit.
Nach etwa drei Minuten bemerkte ein Passant die Musik. Für ein paar Sekunden verlangsamte er seine Schritte, um dann schnell wieder seinen Weg zur Arbeit fortzusetzen.
Vier Minuten später: Der Geiger erhält seinen ersten Dollar. Eine Frau wirft ihm das Geld in seinen Hut, ohne ihr Tempo zu verringern.
Sechs Minuten später: Ein junger Mann lehnt sich gegen die Wand, um zuzuhören, dann blickt er auf seine Uhr und setzt seinen Weg fort.
Zehn Minuten später: Ein dreijähriger Junge bleibt stehen, um dem Musiker zuzuhören, aber seine Mutter zieht ihn weiter. Mehrere Kinder verhalten sich so, aber die Eltern drängen weiter.
Nach 45 Minuten: Nur sechs Menschen sind stehen geblieben und haben ihm zugehört. Ca. 20 gaben ihm Geld. Seine Gesamteinnahmen lagen bei 32 Dollar.
Nach 1 Stunde: Der Musiker beendet seine Darbietung und es wird still. Niemand nimmt Notiz und niemand applaudiert.
Niemand wusste es, aber der Musiker war Joshua Bell, einer der größten Musiker der Welt. Er spielte eines der schwierigsten Stücke, die je geschrieben wurden, auf einer Violine im Wert von 3,4 Mio. Dollar.
Zwei Tage zuvor spielte er in Boston das gleiche Stück zu einem Preis von durchschnittlich 100 Dollar pro Sitzplatz.
Auftraggeber des sozialen Experiments über Wahrnehmung, Geschmack und Prioritäten war die Washington Post.
Das Projekt warf folgende Fragen auf:
Können wir Schönheit in einem alltäglichen Umfeld, zu einem unangemessenen Zeitpunkt wahrnehmen?
Wenn dem so ist, nehmen wir uns die Zeit sie wertzuschätzen? Erkennen wir Talent in einem unerwarteten Kontext?
Eine mögliche Schlussfolgerung könnte sein:
Wenn wir nicht einen Moment Zeit haben anzuhalten und einem der besten Musiker zuzuhören ... wie viele andere Gelegenheiten verpassen wir, während wir durchs Leben hasten?


Aus einer Rundmail zu: www.youtube.com/watch?v=LZeSZFYCNRw


Und ich frage mich: Wäre ich stehen geblieben?


Wortprobe  7. April 2020

Eine Wortprobe ist so was ähnliches wie eine Weinprobe. Da nehmen wir einen Schluck Wein in den Mund und kosten ihn. Wir achten auf den Geschmack und auch auf den Nachgeschmack. Nur wenn der Wein uns schmeckt, nehmen wir mehr davon.

So ähnlich ist es mit einer Wortprobe. Auch da nehmen wir ein Wort in den Mund und schmecken ihm nach. Dann merken wir, ob ein Wort uns angenehm ist und uns wohltut oder ob es uns unangenehm ist. Jedes Wort wirkt und hat eine Wirkung. Bei normalem Sprechtempo achten wir nur auf die Inhalte und nicht auf die Wirkung der einzelnen Wörter.

Lesen Sie die einzelnen Wörter langsam durch. Machen Sie jeweils eine Pause zwischen den Wörtern. Lauschen Sie dem Klang und horchen Sie in sich hinein:

"Quelle - Quellwasser - Apfelbaum - behutsam - müssen - schnell - Flughafen - Airport - Wohlwollen - Lächeln - Dankeschön".

Gibt es dabei ein Wort, das bei Ihnen eine angenehme Empfindung auslöst? Gibt es eines, das eine unangenehme Empfindung auslöst?

Wortproben sind dafür da, sich die Wirkung eines Wortes bewusst zu machen. Wir können uns immer wieder neu bewusst machen, ob uns ein Wort gut tut. Die können wir dann bewusst gebrauchen oder auch bewusst in unsere Sprache aufnehmen. Umgekehrt können wir uns belastende Wörter erkennen und sie dann reduzieren oder ganz aus unserer Sprache streichen.

Noch etwas geschieht bei den Wortproben: Wir üben, Denken und Fühlen in Einklang zu bringen. Wer seine Gedanken fühlt und gleichzeitig denkt, der steigert damit die Kraft seiner Gedanken und somit seine eigene Wirksamkeit.

Es gibt eine Wechselwirkung zwischen der Sprache, die ein Mensch spricht, und dem, was er in seinem Leben erlebt.

Aus: Mechthild R. von Scheurl-Defersdorf,  In der Sprache liegt die Kraft  -  Klar reden. Besser Leben

 
www.youtube.com/watch?v=GDIyIviEGpQ


Welche Wörter tun dir gut? Benutzt du sie täglich?


Wer hat sich schon mal etwas gebrochen?  8. März 2020

"Wer sich schon mal etwas gebrochen hat, möge bitte die Hand heben." Nachdem sich einige gemeldet haben, fahre ich fort: "Wem dieser Bruch immer noch weh tut, der soll seine oben lassen." Normalerweise senken sich jetzt die Hände. Danach fordere ich sie auf: "Hebt die Hand, wenn euch immer noch etwas schmerzt, was jemand im vergangenen Jahr zu euch gesagt hat." Jetzt melden sich viele. "Lasst die Hand oben, wenn ihr immer noch Schmerzen verspürt über eine Bemerkung, die jemand in den letzten fünf Jahren gemacht hat." Die Hände bleiben oben.

Ich denke, wir sind alle sehr verletzlich, wie Windbeutel, außen knusprig und im Innern sehr zart und süß.

Aus: Silvia Boorstein,  Buddha oder Die Lust am Alltäglichen